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Die Ostdeutschlanderklärer

Es gibt eine neue Art von Lieblingsartikel in der deutschen Zeitungslandschaft: Wessis machen eine Rundreise durch die neuen Bundesländer und berichten dann den anderen Wessis, wie „die da drüben“ so ticken und wieso „der Osten“ immer noch nicht im vereinten Deutschland angekommen ist. Es gibt viele dieser Artikel, und der Fokus variiert - mal sind drei Statistiken dabei, mal dürfen ein paar „echte Ossis“ ihre Meinung kundtun, aber das Grundprinzip ist immer gleich. (Der, der mich gerade aufgeregt hat ist hier zu finden - hinter einer Paywall, aber letztlich nicht wirklich Geld wert). Man schreibt über gute Straßen auf denen schlecht gelaunte Leute laufen, über sozialistische Sozialstrukturen die jetzt fehlen, und natürlich immer über die AfD, ohne die man sich ja die ganze Mühe, mal „rüber“ zu fahren, nie machen würde. Nur für eine Erkenntnis ist nie genug Platz: Das solche Artikel ein massives Teil des Problems sind.

Eines der grundlegenden Probleme des vereinten Deutschlands ist, dass die Einheit nie in den Köpfen der Westdeutschen angekommen ist, und dass man auch nie den Versuch unternommen hat. Diese Artikel sind dafür ein wunderbarer Beleg. Bis heute gilt in den deutschen Medien die Westdeutschlandsvermutung: Die Geschichte und Erfahrung der BRD ist der Standard; die ehemalige DDR ist eine Anomalie die man extra erklären muss. Wenn man zum Beispiel auf der „einstiges“-Seite von Spiegel Online die wichtigsten oder interessantesten Punkte der deutsche Nachkriegsgeschichte ansieht, dann sieht man Bundesliga, RAF, Privatfernsehen, derzeit sehr viel über Seenotretter, und natürlich den ersten Supermarkt Deutschlands in Köln. Immerhin wird da kurz erwähnt dass es so was auch in der DDR gab.

Wenn die DDR vorkommt, dann als die Ausnahmeerscheinung. Beispielsweise gibt es in der Serie über Seenotrettung genau einen Artikel der sich damit beschäftigt und klar macht dass es heldenhafte Rettungen nur im Westen gab, im Osten war natürliches alles Stasi. Denn wenn die DDR erwähnt wird, dann kann das nur im Kontext der Stasi passieren.

Bundesdeutsche Kultur ist und bleibt westdeutsche Kultur, egal woher die Kanzlerin kommt und wie viel in den Filmstudios Babelsberg produziert wird. Geschichten wie die DEFA-Winnetou-Filme oder Urlaub am Plattensee sind es nicht wert erzählt zu werden, so lange man noch nicht den ersten Versprecher im ZDF erwähnt hat. Das westdeutsche Wirtschaftswunder wird gefeiert; die ostdeutsche Wirtschaft ist stets ein großer Haufen von Ineffizienz in denen allen Arbeitern alles egal ist. Dass die DDR in vielen Bereichen im Ostblock technologisch führend war, die zweitgrößte Wirtschaftsmacht und den höchsten Lebensstandard pro Kopf hatte, wird ignoriert. Dass die meisten Leute dort hart gearbeitet hatten und Stolz auf das Erreichte waren passt nichts ins Bild oder ist vielleicht auch nicht bekannt. Und das ganze Themengebiet Treuhand sieht man anscheinend nicht als relevant, obwohl man doch angeblich verstehen will, wie es den neuen Bundesländern heute geht.

Hier wäre mal eine These: Könnte es sein, dass die Menschen in den neuen Bundesländern, die sich so abgehängt fühlen, vielleicht auch in mancher Hinsicht abgehängt sind? Dass die Ostalgie lebt und blüht, weil es immer noch keine gesamtdeutsche Geschichtsschreibung und damit kein gesamtdeutsches Identitätsgefühl gibt? Und könnte es vielleicht sein, dass man über solche Themen reden muss, nicht nur wenn die AfD in den Nachrichten ist oder am dritten Oktober? Ich persönlich denke, dass so was sinnvoller sein könnte, als der nächste Artikel mit dem Grundauftrag: „Echte deutsche (Wessis) erklären dem echten Deutschland (Westdeutschland) wie die Ossis so ticken“.

Written on October 4th, 2017 at 09:34 pm

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